100 Jahre Niederursel als Stadtteil von Frankfurt

Noch im Jahre 1910 wurde der Bau der Straßenbahnlinie 24 nach der „Hohemark fertiggestellt und Niederursel war mit der Bahn an den Personen- und an den Frachtverkehr angeschlossen. Den Zugang hatte man mit einem „Verbindungsweg“ im Eingemeindungsvertrag bereits gesichert.

Ebenso begann im Jahre 1910 der Bau der Villenkolonie Wiesenau. Auf einem Acker des Bauern Philipp Himmelreich westlich der früheren Gaststätte „Wiesenau“ zwischen der Heddernheimer Landstraße und dem Urselbach wurden durch die Eigen­heimbaugesellschaft die ersten 56 Eigenheime der Wohnkolonie Wiesenau errichtet. Gegenüber anderen Doppel- oder Reihenhaussiedlungen jener Jahre, die von Baugesellschaften in kürzester Zeit geschlossen errichtet wurden, hatte die Wiesenau den Vorteil, dass jedes Haus nach den individuellen Wünschen des Bauherrn geplant und ausgeführt wurde. Eine Zeitungsnotiz aus dem Jahre 1911 anlässlich des Besuchs von Architekt Wallot in der Wiesenau beschreibt treffend die Wandlung in Niederursel:

„Keine der Gemeinden des früheren Land­kreises, die von der Stadt Frankfurt eingemeindet sind, hat wohl binnen Jahresfrist mehr Veränderungen erfahren als Niederursel. Die Vollendung und Inbetriebsetzung der elektrischen Bahn und besonders die Ansiedlungen der Eigenheimbaugesellschaft sind für Niederursel von eingreifender Bedeutung. 56 Häuser sind vollendet, teilweise schon bewohnt, teilweise bis zum I. April diesen Jahres bezogen, die Häuser sind solide gebaut, architektonisch ausgeschmückt, mit allem Comfort der Neuzeit versehen, von Gärten umgeben, ein wunderschöner Anblick. In den letzten Tagen beehrte der berühmte Erbauer des Reichstagsgebäudes (Berlin) Wallot die Gartenstadt ,wiesenau“ mit seinem Besuch und hat sich, nach genauer Besichtigung, sehr anerkennend ausgesprochen. Die Baugesellschaft Eigenheim steht im Begriff, auf der anderen Seite der Heddernheimer Chausee gegenüber der vollendeten Villenkolonie ein noch weit größeres Bauterrain in Angriff zu nehmen, es sind 200 Häuser projektiert und schon jetzt liegen eine große Anzahl Baugesuche vor. Das kleine Niederursel, das vor einigen Jahren nur 900 Seelen zählte, wächst und bekommt städtisches Ansehen. Wenn nun noch der projektierte Exerzierplatz in die Niederurseler Gemarkung kommt, dann geht es mit der früheren fast ausschließlich ländlichen Bevölkerung zu Ende. Ob es für Niederursel gut ist, das mag dahingestellt bleiben.“

Der Exerzierplatz kam nicht zustande und so kam die schon 1911 prophezeite Umstrukturierung erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Landhaus Mangold in der Wiesenau ca. 1910 IS

Haus in der Wiesenau um 1910 IS

Der I. Weltkrieg war schmerzlich für Niederursel. Aus den Reihen der Niederurseler Burschen wurde die 5. und 6. Batterie des 21. Reserve-Artillerie-Regiments zusammengestellt und nach einem großen Abschiedsgottesdienst am 11. August 1914 in Marsch gesetzt. Die eingeschmolzenen Orgelpfeifen und die Glocke waren noch die geringsten Opfer, zahlreiche Niederurseler fielen und für diese wurde 1921 ein großer Gedenkstein mit den Namen der Gefallenen zwischen der Dorflinde und der alten Kirche aufgerichtet. Praktisch sofort nach dem Krieg gingen Entwicklung und Umstrukturierung des Dorfes weiter, wobei die strukturellen Veränderungen noch maßvoll und langsam vor sich gingen. Die Vergrößerung des zum Teil in der Niederurseler Gemarkung liegenden Kupferwerkes, später Vereinigte Deutsche Metallwerke, brachte Arbeitsplätze und neue Einwohner. Um den Kern Niederursels ent­standen im geringen Umfang neue Häuser im Bereich der Kreuzerhohl, des Weißkirchner Weges und der Wiesenau. 1927 wurde die über 500 Jahre alte Dorfkirche abgebrochen und durch einen achteckigen Neubau von Prof. Elsässer ersetzt, den man am Ostersonntag 1928 einweihte.

Im selben Jahr eröffnete man die von Prof. Schuster geplante neue Niederurser Volksschule zwischen Niederursel und der Wiesenau. Damit tritt Niederursel auch wieder stärker ins Licht der Geschichte und dies weit über Frankfurt hinaus. Während die Zahl der Wohnbauten der „Moderne“, des „Bauhausstils“ mindestens mehrere Hunderttau­send beträgt, sind die Funktions­baulen wie Markthallen, Schulen, Hallenbäder und Kirchen doch relativ rar. Mit der Gustav-Adolf- Kirche war Niederursel wieder einmal an der Spitze und die Schule von Prof. Schuster war der Prototyp eines dann vielfach gebauten Schulbausystems des sog. „Schuster­typs“ mit zwei Klassen an einem Treppenhaus.

Aber Niederursel glänzte mit einem weiteren herausrangeden Bauwerk. 1936 war mit dem Bau der Autobahn begonnen worden. 1937 und 1938 wurde die stählerne Autobahnbrücke über das Urselbachtal gebaut, neben der Mainüberquerung das gewaltigste Brückenbauwerk der ersten Autobahntrasse in Deutschland.

Auch im 2. Weltkrieg hatte unser Dorf zu leiden. Das Kupferwerk war Rüstungsbe­trieb und deshalb Angriffsziel der englischen und amerikanischen Bombenflugzeuge. Zahlrei­che Bomben, die ihr Ziel verfehlten, verwüsteten die Niederurseler Felder mit tiefen Kratern, zerstörten aber auch einzelne Häuser in Nieder­ursel und der Wiesenau. Auch die erst 1928 gebaute Schule brannte aus. Die Schäden hielten sich insgesamt in Grenzen, es waren aber wiederum viele Gefallene zu beklagen.

Das Dorf erholte sich schnell. 1954 waren die Kriegszerstörungen praktisch alle beseitigt. Darüber hinaus expandierte Niederursel schon wieder. So wurden 1955 die kleine Siedlung an der KeIlerbornstraße und einige Häuser am Krautgartenweg gebaut.

Landhaus Mangold in der Wiesenau ca. 1910 IS

Haus in der Wiesenau um 1910 IS

St. Georgskapelle CN

Gustav-Adolf-Kirche PB

Bau der Autobahnbrücke über den Urselbach PB