Bau der Nordweststadt

Es folgte dann eine rasante Entwicklung – vielfach von außen beeinflusst und nicht immer von der Niederurseler Bevölkerung gewollt oder getragen – die zur völligen Umstrukturierung des Dorfes führte, und zwar nicht nur räumlich und baulich, sondern auch sozial.

Die einschneidensten Veränderungen seit der Gründung des Dorfes brachte der Bau der Nordweststadt. Die Errichtung dieses neuen Stadttei­les bedeutete für die Gemarkung Niederursel den Wechsel von der dörflich­landwirtschaftlichen Struktur in einen Stadtteil mit weitgehend städtischem Gefüge unter Beibehaltung weniger Hofreiten im alten Kern.

Im Zuge der umfangreichen Erweiterungen Frankfurts und der Ausweisung neuer großer zusammenhängender Baugebiete stellten das Stadtplanungsamt und nach entsprechenden Vorschlägen des Planungs­dezernenten Dr. Hans Kampffmeyer auch die städtischen Körperschaf­ten etwa ab Mitte der 50er Jahre Überlegungen an, das Gebiet zwischen Niederursel, Heddernheim und Praunheim zu bebauen. Das Gelände mit einer Gesamtgröße von 1,7 Mio. qm wurde bis dahin hauptsächlich von Niederurseler Bauern landwirschaftlich genutzt. Um den städtebaulichen Zielen gerecht zu werden, beschlossen Magistrat und Stadtverordnetenversammlung 1957, das gesamte Gelände aufzukaufen und nach den noch zu schaffenden Plänen für einen neuen Stadtteil mit etwa 25.000 Bewohnern neu zu parzellieren. Mit den ehemaligen Dörfern Praunheim, Heddernheim und Niederursel sollte das neue Stadtviertel „Nordweststadt“ rund 50.000 Einwohner beherbergen. In dem groß angelegten Planungswettbewerb entschied sich die Jury unter dem Vorsitz von Prof. Ernst May, dem Erbauer der Römerstadt, für den Entwurf der Architektengemein­schaft Schwagenscheidt/Sittmann. Diese erhielten auch mit dem Gartenarchitekten Hanke den Auftrag für die städtebauliche und künstlerische Oberleitung.

Dr. Schwagenscheidt verwirklichte mit der Nordweststadt seine Ideen zur Raumstadt. Trotz des erbitterten Widerstandes der Niederurse­Ier Landwirte, die zum einen um ihre Existenz bangten und zum anderen mit den gebotenen niedrigen Grundstückspreisen nicht einverstanden waren, begann man im Juni 1961 mit dem Bau der ersten Häuser. Drei Landwirte: Lorenz Gebhart, Wilhelm Himmelreich und Johannes Wentzel wurden auf das Hofgut Praunheim ausgesiedelt und etwa 40 Enteignungsverfahren durchgeführt. Die Ziegeleien wurden demontiert und die Ziegel­gruben aufgefüllt. Anfang 1964 waren bereits über 1.000 Wohnungen bezogen. Ein Teil der Wohngebäude realiserte man in Großtafelbauweise nach dem System Holzmann-Coignet. Mit der Einweihung des Kultur- und Geschäftszentrums am 4. Oktober 1968 war der Bau der Nordweststadt weitgehend abgeschlossen. Von den über 7.500 Wohnun­gen wurden 6.500 als Geschosswohnungen errichtet, 300 Wohnungen in Form von Eigentumswohnungen und 575 Wohnungen als Einfamilienhäuser.

Das Stadtplanungsamt formulierte dazu: „Der intensiven Mischung der verschiedensten Baukörperformen und Wohnhaustypen entspricht eine viel faltige Mischung gesellschaftlicher Schichten der Bewohnerschaft des Neubaugebietes. Analog der gesamtstädtischen Sozialstruktur spannt sich der Bogen von den Mietern der in der Regel subventionierten Sozialwohnungen bis hin zu den Eigentümern relativ aufwendiger eingeschossiger Atriumeigen­heime“.

Neben den Wohnungen und dem Haupt- wie auch den Nebenzentren waren umfangreiche Ver- und Entsorgungseinrichtungen entstanden:

Kindergärten, Spielplätze, Schulen, Heizwerk und Müllverbrennungsanlage. Prof. Franz Schuster aus Wien vollendete sein Lebenswerk, das er mit der Schule in der Wiesenau 1927 begonnen hatte, mit der Gesamtschule Nordweststadt.

Die Gesamtkosten aller Wohnungen und Einrichtungen betrugen etwa 816 Mio. Mark.

Dabei nahm die Zahl der wirtschaftlich betriebe­nen Höfe fortlaufend ab und auch die Besitzrechte an der Hohemark hatten sich verändert.

Inwieweit alle Ideen zu einer „neuen Stadt“ sich positiv zeigten, muss mit Fragezeichen versehen werden. Der Wegfall der „sozialen Überwachung“ und die soziale Mischung haben auch deutliche Schattenseiten.

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Europäische Schule JD