Die Eingemeindung
1910 war es dann soweit:

Mit Heddernheim, Praunheim, Preungesheim und Rödelheim wurde Niederursel von Frankfurt am Main eingemeindet. Mit der Eingemein­dung begann für Niederursel eine neue Ära, der lange Weg eines landwirt­schaftlichen Dorfes des Landkreises Frankfurt zum neuen Stadtteil Niederursel der Großstadt Frankfurt.

Auch für die Stadt Frankfurt bedeutete dies eine neue Zeit. 1866 waren nicht nur die beiden Hälften Niederursels vereint worden, sondern – ge­wissermaßen im gleichen Atemzug – hatte Frankfurt seine Selbständigkeit verloren und war zur preußischen Kreisstadt im Deutschen Reich geworden. In den Jahrzehnten danach boomte Frankfurt in der ersten industriellen Revolution. Die Kernstadt und die innenstadtnahen Bereiche wurden zu eng für die Bevölkerung, platzten buchstäblich aus den Nähten. So war es zukunftsweisend, dass Oberbürgermeister Adickes eine konsequente Eingemeindungspolitik betrieb und 1910 neben Niederursel zehn weitere Dörfer, praktisch der Landkreis Frankfurt, eingemeindet wurden. Damit war die Einwohnerzahl der Stadt mit einem Schlage auf über 400.000 angewachsen. Frankfurt am Main war zur Großstadt geworden und konnte sich jetzt nicht nur wirtschaftlich, sondern auch räumlich entfalten.

Am 6. Februar 1909, nach langen Verhandlungen hatten Bürgermeister Andreas und der erste Schöffe Keßel für Niederursel und am 29. März 1909 Bürgermeister Franz Adickes neben Herrn Bleicher für den Magistrat der Stadt Frankfurt den Eingemeindungsvertrag unterschrieben, der am 1. April 1910 wirksam wurde. Niederursel hatte zu dieser Zeit etwa 1000 Einwohner.

Die Vereinbarung der Stadtgemeinde Farnkfurt am Main und der Landgemeinde Niederursel behandelt im Wesentlichen den Übergang von Rechten, Pflichten und der Verwaltung an Frankfurt. Für eine Reihe von Abgaben, Steuern und Bestimmungen handelten sich die Niederurseler lange Übergangsfristen aus: Der Schlachthauszwang wurde erst ab 1926 eingeführt, das Wiegegeld für die Benutzung der Gemeindewaage durfte erst nach dem 31. März 1940 erhöht werden, die Realsteuern soUten sich nicht vor dem 31. März 1919, die kommunale Einkommensteuer nicht vor dem 31. März 1912 verän­dern. Die 1895 in Niederursel eingeführte Lustbarkeitssteuer sollte weiter in Kraft bleiben und der Wassergeldtarifbis 1930 nicht erhöht sowie die Aufwen­dungen für Straßenunterhaltung und -reinigung bis 1915 nicht geändert werden. Eine Hauskehrichtabfuhr wollte man vorläufig nicht einführen, andererseits wurde die Einstellung eines Wegewärters für die Feldwege verein­bart. Die nutzungsrechte der Niederurseler Gemeindebürger am Wald auf der „Hohemark“ blieben erhalten.

Weitere wichtige Bestimmungen des Vertrages waren: Die Verschmelzung des Vermögens beider Gemeinden, die Bildung eines neuen Frankfurter Wahlbezirkes aus Niederursel, Berkersheim und Bonames, die Übernahme aller Niederurseler Gemeindearbeiter, -angestellten und -beamten sowie die Beibehaltung einer eigenen Steuerhebestelle, eines Standesamtes und einer Zweigstelle der Ortskrankenkasse sowie die Verpflichtung der Stadt Frankfurt, einen Zuchtbullen, Zuchteber und Zuchtziegenbock zu unterhalten. Ausdrücklich verpflichtete Frankfurt sich darüber hinaus:

1. „binnen zwei Jahren, vom Tag der Eingemeindung ab gerechnet, den Straßenzug Hausen- Weißkirchen innerhalb des Ortsberings zu pflastern und die beiden Brücken in diesem Straßenzug zweispurig herzustellen;

2. In derselben Zeit den Straßenzug Niederursel-Heddernheim zu pflastern sowie die Taunusstraße zu befestigen und an einer Seite mit erhöhtem Bankett zu versehen;

3. Einen Verbindungsweg zwischen dem südlichen Teile des Ortes und dem Bahnhofe herzustellen.“
Mit der Eingemeindung hatte Niederursel zwar seine Eigenständigkeit verloren, gleichzeitig aber für seine Bewohner die Nutznießung aller Einrichtungen der Großstadt Frankfurt gesichert. Der neue Stadtteil Niederursel umfasste praktische die Gemarkung des früheren Dorfes Niederursel.

Eine weitere Eingemeindungswelle Frankfurts erfolgte dann 1928 mit der.Eingemeindung von Höchst sowie Griesheim, Sindlingen, Unterliederbach, Zeilsheim, Nied, Schwanheim, Sossenheim und Fechenheim arn 1. April 1928. Mit einer weiteren Welle am 1. August 1972 folgten dann Harheim, Kalbach, Niedererlenbach und Niedereschbach und schließlich am 1. Januar 1977 Bergen-Enkheim.

Manchem Einwohner Niederursels gefiel die Eingemeindung nicht, manche meinten, man hätte bei den Verhandlungen noch mehr Vorteile heraushandeln müssen. Insgesamt und in der Rückschau war die Eingemein­dung ein Segen für Niederursel und 100 Jahre kräftigster Entwicklungen vom Dorf- zum Stadtteil von Frankfurt/Main begannen.